Ertasten und fühlen: taktile Tafeln mit Buntspecht, Mauerbiene und Co.

Nadja Tata (MfN)

Von Nadja Tata (MfN)
30.10.2020 | 4 Minuten Lesezeit

Die Ausstellung „Bahnbrechende Natur“ im Schöneberger Südgelände macht seit diesem Herbst Vögel und Insekten inklusiv erfahrbar. Die Vorlagen für die 3D-Grafiken stammen aus der Sammlung des Museums für Naturkunde Berlin.

Stieglitz, Nachtigall, Buntspecht und Turmfalke (Foto: Nadja Tata, MfN)
Stieglitz, Nachtigall, Buntspecht und Turmfalke (Foto: Nadja Tata, MfN)

Als im Mai 2019 die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz erstmalig mit der Mediasphere For Nature in Kontakt trat, war die Projektplanung für Berlins erste barrierearme Ausstellung in der Natur schon ein gutes halbes Jahr im Gange. Das Ziel war eine Erweiterung der Naturschutzausstellung „Bahnbrechende Natur” im Natur-Park Schöneberger Südgelände um inklusive, taktile Tafeln, die Sehbehinderten und Blinden die Möglichkeit geben, typische Tierarten und Elemente des ehemaligen Rangierbahnhofs zu ertasten. Durch Audiodateien sollten die Informationen zusätzlich erfahrbar gemacht und mit Tierstimmen ergänzt werden.

Seit 1999 ist das Südgelände ausgewiesenes Natur- und Landschaftsschutzgebiet, das mit seiner Mischung aus alten Bahnrelikten und Wildnis vielen Tier- und Pflanzenarten einen Lebensraum bietet. Nachtigall, Buntspecht, Stieglitz und Turmfalke, Wildbienen, Heuschrecken und verschiedenste Tagfalter sind hier zu Hause. Im Internet gibt es zahlreiche Fotos von ebendiesen Vögeln und Insekten, aber lässt sich daraus ein tastbares Halbrelief herstellen oder woher nimmt man die konkreten Vorlagen für die 3D-Grafiken? Mit seinem reichhaltigen Schatz an historischen und aktuellen Sammlungsobjekten bot das Museum für Naturkunde die Lösung..

Verwilderte Bahngelände sind perfekte Habitate für Flora und Fauna (Fotos: Nadja Tata, MfN)
Verwilderte Bahngelände sind perfekte Habitate für Flora und Fauna (Fotos: Nadja Tata, MfN)

Das Team der Mediasphere For Nature traf sich mit der Projektleiterin, Katrin Heinze, und dem Berater für Barrierefreiheit, Steffen Zimmermann, um Details zu den Anforderungen an die Tiere und ihre Digitalisierungsmöglichkeiten zu besprechen. Parallel dazu machten sich unsere Sammlungspfleger aus der Ornithologie und Entomologie sowie unser Präparator auf die Suche nach geeigneten Exemplaren, die unbeschädigt sind und typische morphologische Charakteristika der jeweiligen Art aufweisen. Eine authentische Körperhaltung, ein gut erkennbarer Schnabel sowie komplett erhaltene Fühler, Flügel und Extremitäten bei den Insekten waren dabei entscheidende Kriterien. Die verschiedenen Tiere, für die sich die Senatsverwaltung entschied, stammen sowohl aus der Sammlung des Museums als auch im Falle der Nachtigall aus dem Privatfundus unseres Präparatoren Robert Stein.

Vorlagen für die taktilen Halb-Reliefs (Fotos Vögel: Hwa Ja Götz, MfN; Foto Tafel: Nadja Tata, MfN)
Vorlagen für die taktilen Halb-Reliefs (Fotos Vögel: Hwa Ja Götz, MfN; Foto Tafel: Nadja Tata, MfN)

Als Optionen für die Digitalisierung diskutierten wir 3D-Scans der Insekten, CT-Scans der Vögel oder hochauflösende Rundum-Fotografien aller Artefakte, da viele Feinheiten z.B. des Gefieders mit einem Oberflächenscan verloren gehen würden. Letztendlich fiel die Entscheidung auf die Rundum-Fotos, welche die ausführende Agentur, Tactile Studio, durch 3D-Modelling in Halbreliefs verwandelte. Kontraste, Abstände und Designelemente der Ausstellungstafeln wurden für das taktile Verständnis entwickelt und unter Beratung von Reiner Delgado des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes optimiert.

Eine besondere Herausforderung an die taktile Umsetzung war die Darstellung der Stridulation (mechanische Lauterzeugung) des Heidegrashüpfers, dessen auf- und absteigendes Sirren etwa 5 Meter weit hörbar ist. Die Mediasphere vermittelte den Kontakt zu unserem Heuschreckenexperten, Dr. Jürgen Deckert, der erklärte, wie der männliche Grashüpfer mit der gezähnten Schrillleiste seiner hinteren Oberschenkel über eine hervorstehende Kante auf der Oberseite des Vorderflügels schnell auf- und abstreicht. Die Übersetzung dieses feingliedrigen Details in eine tastbare Erfahrung erwies sich als knifflige Aufgabe.

Reiner Delgado vom DBSV und eine Besucherin ertasten die Lauterzeugung des Heidegrashüpfers (Fotos: Frank Sperling, Nadja Tata, MfN)
Reiner Delgado vom DBSV und eine Besucherin ertasten die Lauterzeugung des Heidegrashüpfers (Fotos: Frank Sperling, Nadja Tata, MfN)

Der ursprünglichen Planung für die Eröffnung der Ausstellung im Sommer 2020 machte die Corona-Pandemie leider einen Strich durch die Rechnung, und so mussten sich Besucher bis zum 29. September gedulden, als Stefan Tidow, Berliner Staatssekretär für Umwelt und Klimaschutz, die Ausstellungserweiterung eröffnete. Zusätzlich zu den 12 taktilen Tafeln gibt es auch eine lebensgroße Waldohreule aus grauem Kunststein zu ertasten, die der Bildhauer Stephan Hüsch für diesen Anlass schuf.

Erklärt werden die Hintergründe zum Gelände, zur Ausstellung und ihren pflanzlichen und tierischen Helden nicht nur auf den Tafeln in Schwarz- und Brailleschrift, sondern auch über Audiodateien, die über QR-Codes auf der Seite der Berliner Senatsverwaltung abrufbar sind. Die hier zu hörenden Laute der Vögel und des Grashüpfers stammen aus dem Tierstimmenarchiv des Museums.

Erklärungen in Schwarz- und Brailleschrift mit Audiodateien (Fotos: Nadja Tata, MfN)
Erklärungen in Schwarz- und Brailleschrift mit Audiodateien (Fotos: Nadja Tata, MfN)

Der Natur-Park Schöneberger Südgelände befindet sich direkt am S-Bahnhof Priesterweg und ist täglich ab 9 Uhr bis zum Einbruch der Dunkelheit geöffnet. „Bahnbrechende Natur“ ist eine Inspiration für alle, die Natur barrierearm und inklusiv erfahrbar machen wollen.