Das barrierefreie Krokodil – ein Exponat für die Sinne

Nadja Heinisch und Eva Waldherr (werk5)

Von Nadja Heinisch und Eva Waldherr (werk5)
28.04.2020 | 5 Minuten Lesezeit

Im Rahmen eines Kooperationsprojekts der Mediasphere For Nature und werk5 wurde aus der Sammlung des Museums für Naturkunde Berlin ein Originalpräparat eines Leistenkrokodils mittels 3D-Scan digitalisiert. Aus den gewonnenen Daten konnte anschließend ein 3D-Modell in Originalgröße entwickelt werden, das nicht nur visuell bestaunt, sondern auch über unseren Hör- und Tastsinn erkundet werden kann.

Leistenkrokodil, Foto: Nadja Heinisch
Leistenkrokodil, Foto: Nadja Heinisch

Das Leistenkrokodil (lat. Crocodylus porosus) ist auch als Salzwasserkrokodil oder im Englischen als „Saltie“ bekannt. Es ist die am weitesten in den Ozean vordringende Krokodilart, ist aber auch im Inland in Brackwasser, Flüssen und Sümpfen zu finden. Die bis zu 70 Jahre alt werdenden Krokodile sind von Ostindien über Südostasien bis nach Nordaustralien verbreitet und die einzige Krokodilart, die im Salz- und Süßwasser lebt. Sie können eine Länge von bis zu 4m erreichen und ein Gewicht von 300kg. Das Krokodil aus der Museumssammlung hat eine Länge von 1,30m und ist damit ein noch nicht ausgewachsenes Exemplar. Da es bereits seit dem letzten Jahrhundert Teil der Sammlung ist, stammt es aus einer Zeit, in der Präparate üblicherweise mit Arsen oder ähnlichen giftigen Substanzen behandelt wurden, um etwa einem Schädlingsbefall vorzubeugen. Dies macht, neben den immer noch gefährlich scharfen Reißzähnen, ein haptisches Erleben dieses Leistenkrokodils unmöglich, was auch beim Handling während des Digitalisierungsprozesses bedacht werden muss.

Digitalisierung des Leistenkrokodils aus der Sammlung des Museums für Naturkunde mittels Streifenlichtscan. Fotos: Nadja Heinisch, MFN
Digitalisierung des Leistenkrokodils aus der Sammlung des Museums für Naturkunde mittels Streifenlichtscan. Fotos: Nadja Heinisch, MFN

Das durch die Digitalisierung des Originalpräparats entwickelte 3D-Modell ist daher vor allem für die haptische Wahrnehmung angelegt. Durch Berührung eines der vier sensorischen Punkte am Krokodil werden zudem spannende Fakten zum Leistenkrokodil erzählt, so etwa über die Zähne, von denen jeder bis zu 50-mal im Laufe eines langen Krokodillebens gewechselt wird. Damit ist das Krokodil-Replikat insbesondere für sehbehinderte Menschen geeignet und lädt ein, das Tier durch Tasten und Hören zu erforschen.

3D-Modell des Leistenkrokodils mit sensorischen Punkten zur akustischen Objektbeschreibung. Krokodil-Replikate in Original- sowie Handtellergröße auf der Exponatec 2019 in Köln. Foto: werk5
3D-Modell des Leistenkrokodils mit sensorischen Punkten zur akustischen Objektbeschreibung. Krokodil-Replikate in Original- sowie Handtellergröße auf der Exponatec 2019 in Köln. Foto: werk5

Bisher war das 3D-Modell bereits auf einigen Veranstaltungen und Ausstellungen dabei. Am Museum für Naturkunde etwa bei ausgewählten Events der Mediasphere For Nature, um Gästen die Einsatzmöglichkeiten von Digitalisaten von Sammlungsobjekten des Museums zu veranschaulichen. Auf der Exponatec 2019 in Köln wurde das Multi-Sense Exponat als „Best Practice“ Beispiel am Stand von werk5 sowie in einem Vortrag präsentiert. Die dank der digitalen Konstruktionsdaten problemlose Skalierung des Modells ermöglichte die Produktion von Krokodilen auf Handtellergröße im 3D Druckverfahren, die bei den Besuchern großen Anklang fanden.

Bei solchen Gelegenheiten werden stets Eindrücke gesammelt und Feedback zur Nutzung des 3D-Modells eingeholt, sodass das Modell kontinuierlich weiterentwickelt werden kann. Denn auch wenn die Zielgruppe in erster Linie sehbehinderte und blinde Menschen sind, begeistern sich alle Besucher dafür, wenn sie Exponate nicht nur betrachten sondern auch taktil erfahren dürfen. Die Transformation von Digitalisaten in die Realität kann dabei für sehende Menschen zusätzlich mit einer AR-Anwendung bereichert werden. Die realistische Fototextur wird dazu einfach auf die 3D Modelloberfläche gemappt, kann zudem animiert werden und weitere Infos abspielen. Auf der Exponatec nutzte werk5 die Expertise der Schwesterfirma Interactive Scape, um diese Möglichkeit anschaulich umzusetzen.

AR-Anwendung ergänzt das Krokodil-Replikat mit einer fotorealistischen Textur auf der Exponatec 2019 in Köln. Foto: werk5 / Interactive Scape
AR-Anwendung ergänzt das Krokodil-Replikat mit einer fotorealistischen Textur auf der Exponatec 2019 in Köln. Foto: werk5 / Interactive Scape

Das Krokodil wird in absehbarer Zukunft auch in der Bildungsabteilung des Museums für Naturkunde zum Einsatz kommen und dort vor allem von sehbehinderten Kindern getestet und erprobt werden. Zudem wird es als ein Highlight bei unserem nächsten Mediasphere Meetup interessierten Teilnehmerinnen und Teilnehmern durch werk5 vorgestellt. Nähere Informationen zur entsprechenden Veranstaltung sind dann auf unserer Mediasphere-Website und Twitter, zu finden.

Die Experten für interaktiven Exponate-Bau von werk5 werden die Geschichte der Kooperation und die Produktion des Krokodils auch auf der diesjährigen FOCUS präsentieren, die vom 2.-4. September 2020 im Paulikloster in Brandenburg an der Havel stattfinden wird.