Mit Mehlwürmen, bakterieller Zellulose und Pilzen in die Zukunft

Nadja Heinisch und Nadja Tata

Von Nadja Heinisch und Nadja Tata
24.01.2020 | 6 Minuten Lesezeit

Innovationsworkshop FLORA FAUNA FUTURE zeigt im Selbstversuch, was mit innovativen Materialien aus der Natur in Zukunft alles möglich sein kann.

In Kooperation mit dem Fiction Forum, einer Initiative des Kompetenzzentrums der Kultur- und Kreativwirtschaft, lud das Museum für Naturkunde im Oktober 2019 zum Innovationsworkshop FLORA FAUNA FUTURE ein. Kreative Professionals mit einem Hintergrund in Architektur, Mode, Sound oder Food kamen im Experimentierfeld des Museums zusammen, um gemeinsam mit anderen Akteur*innen unterschiedlicher Arbeitsfelder an Materialien und Ideen aus der Natur zu arbeiten. Das erklärte Ziel: umweltschonendere, lokal produzierbare und nachhaltige Alternativen in den Bereichen Architektur/Bau, Fashion, Sound und Food/Food Packaging aufzuzeigen und hautnah zu erleben.

Eindrücke zu FLORA FAUNA FUTURE im Oktober 2019 | Regie & Schnitt: David Madry | Kamera: Mantas Jockus | Producer: Uli Sailor

Expert*innen aus der Kultur- und Kreativwirtschaft und den Naturwissenschaften präsentierten in kurzen Impulssessions zunächst ihre Forschung und Erfahrungen mit der Herstellung innovativer Materialien aus der Natur. Darunter Wissenschaftler*innen des Museums, die etwa Einblicke zur Spinnenseide als potenzielles Material für die Produktion von Textilien gaben (Dr. Jason Dunlop) oder Froschfarmen in Afrika vorstellten wie in Benin, in denen Frösche als nachhaltige Eiweißquelle der Zukunft gezüchtet werden (Dr. Mareike Petersen). Dr. Jana Hoffmann gab einen Einblick in die stabile und dennoch filigrane Architektur von Brachiopodenschalen und Silke Voigt-Heucke erklärte dem Publikum die Hintergründe des Nachtigallgesangs, der sich auch dem Sound der immer lauter werdenden Großstadt nicht beugt. Aktiv wurden die Workshop-Teilnehmer*innen dann in einer der vier Werkstätten, in welchen die Materialien nicht nur im Selbstversuch erfahrbar gemacht wurden, sondern auch im offenen Dialog mögliche Anwendungen diskutiert wurden.

Innovationsworkshop FLORA FAUNA FUTURE im Experimentierfeld des Museums für Naturkunde. Foto: Mina Gerngross

Innovationsworkshop FLORA FAUNA FUTURE im Experimentierfeld des Museums für Naturkunde. Foto: Mina Gerngross

Werkstatt Food/Food Packaging

Jannis Kempkens, Gründer des Projekts Plasticula, das im Rahmen seines Studiums an der Kunsthochschule Weißensee entstanden ist, veranschaulichte das Potenzial von Insekten als Material- und Energielieferanten am Beispiel von Mehlwürmern und -käfern. Dazu wurden mit interessierten Teilnehmer*innen etwa knusprige Schoko-Cookies und Tomaten-Pesto aus schockgefrosteten Mehlwürmern zubereitet. Anhand des Mehlkäfers zeigte Jannis außerdem, wie aus dem Chitin des Panzers durch verschiedene Prozessstufen ein Material gewonnen werden kann, das optisch und funktional zwar Plastik ähnelt, jedoch biologisch komplett abbaubar ist.

Jannis Kempkens (Mitte) klärt auf über Einsatzmöglichkeiten von Mehlwürmern und -käfern in der Werkstatt Food/Food Packaging. Fotos: Nadja Tata (MfN) und Mina Gerngross

Jannis Kempkens (Mitte) klärt auf über Einsatzmöglichkeiten von Mehlwürmern und -käfern in der Werkstatt Food/Food Packaging. Fotos: Nadja Tata (MfN) und Mina Gerngross

Werkstatt Architektur/Bau

Maurizio Montalti, Gründer von Officina Corpuscoli und Mitgründer von Mogu, widmet sich der Herstellung innovativer und natürlicher Biomaterialien, die auf der Nutzung von Pilzmycel basieren, und verbindet so Design und Biotechnologie. In der Werkstatt Architektur/Bau konnten Teilnehmer*innen sprichwörtlich Hand anlegen und aus Pilzmycel eigene „Pressspanplatten“ erschaffen, bei denen das Mycel als Klebstoff fungiert und für Festigkeit sorgt.

Maurizio Montalti gibt Einblicke in Pilzmycel als Basismaterial für natürlich abbaubare Baustoffe in der Werkstatt Architektur/Bau. Fotos: Mina Gerngross

Maurizio Montalti gibt Einblicke in Pilzmycel als Basismaterial für natürlich abbaubare Baustoffe in der Werkstatt Architektur/Bau. Fotos: Mina Gerngross

Werkstatt Fashion

Textil- und Materialdesignerin Lena Ganswindt, die sich in ihrem Studium an der Kunsthochschule Weißensee intensiv mit der bakteriellen Zellulose (BC) beschäftigte, zeigte, wie auf Basis von Kombucha dieses „Leder“ gezüchtet und bearbeitet wird. Anhand frischer und getrockneter Proben von BC konnten Teilnehmer*innen die unterschiedliche Beschaffenheit des Materials erkunden. Mit Hilfe von Farbstoffen aus der Natur wie Blaubeere und Kurkuma wurde die bakterielle Zellulose zudem weiterbearbeitet und individuell eingefärbt.

Lena Ganswindt lässt Teilnehmer*innen der Werkstatt Fashion mit bakterieller Zellulose und natürlichen Färbemitteln experimentieren. Fotos: Mina Gerngross

Lena Ganswindt lässt Teilnehmer*innen der Werkstatt Fashion mit bakterieller Zellulose und natürlichen Färbemitteln experimentieren. Fotos: Mina Gerngross

Werkstatt Sound

Gemeinsam mit Felipe Sanchez Luna, Gründer von KlingKlangKlong, einem Innovationsstudio für Sound, Musik und Interaktion, wurden in dieser Werkstatt u. a. Antworten auf folgende Fragen gesucht: Wie beeinflusst unser Leben die urbanen Klanglandschaften? Wie hat sich der Klang um uns herum im Laufe der Jahre verändert? Wie viel Einfluss haben Städte auf die uns umgebende Natur? Ausgehend von dem virtuosen Gesang der Nachtigall wurden im Workshop Klangkompositionen kreiert, die gleichermaßen auf Vogelgesängen und Geräuschen urbaner Landschaften basierten und am Ende der Veranstaltung präsentiert wurden.

Felipe Sanchez Luna (u. l.) stellt in der Werkstatt Sound den Gesang der Nachtigall in den Fokus, mit dem Teilnehmer*innen eigene Klangkompositionen kreieren können. Fotos: Mina Gerngross

Felipe Sanchez Luna (u. l.) stellt in der Werkstatt Sound den Gesang der Nachtigall in den Fokus, mit dem Teilnehmer*innen eigene Klangkompositionen kreieren können. Fotos: Mina Gerngross

Führungen durch die werkstattrelevanten Sammlungen (Food - Käfer, Fashion - Säugetierfelle, Architektur - Brachiopoden und Korallen, Sound - historischer Vogelsaal) rundeten die Kombination aus Kreativindustrie und Wissenschaft ab. Vielen Dank an unsere Teilnehmerin Julia N., die uns den Erfolg von FLORA FAUNA FUTURE mit ihren lobenden Worten bestätigte: „Die Verschmelzung von Design und wissenschaftlichen Perspektiven aus dem Naturkundemuseum ist wirklich aufgegangen und hat nochmal ganz andere Energien freigesetzt und sofort Ideen angestoßen.“