Kleine Schätze der Tiefsee

Anne Stabler

Von Anne Stabler
27.03.2019 | 9 Minuten Lesezeit

Im Projekt „Naturkunde 365/24“ werden hochwertige Medienpakete zusammengestellt. Im folgenden Beispiel wird beschrieben, wie der Prozess der Erstellung solcher Medienpakete ablaufen kann. Konkret geht es um die Digitalisierung und Kontextualisierung von Tiefsee-Schnecken und Muscheln der Valdivia-Expedition.

Die Valdivia-Expedition (1898-1899) war die erste große deutsche Forschungsreise zur Untersuchung der Tiefsee. Eine Fülle bis dahin unbekannter Lebewesen wurde damals aus den Tiefenregionen der Ozeane zur Erforschung nach Deutschland gebracht. Große Teile dieser Proben und Exponate befinden sich bis heute im Museum für Naturkunde Berlin. Darunter sind zahlreiche Schnecken- und Muschelschalen in der Sammlung „Mollusca“, der Weichtiersammlung. Die Muscheln und Schnecken der Tiefsee sind teilweise nur wenige Millimeter groß und selten in der Ausstellung zu sehen. Sie werden in kleinen Schachteln aufbewahrt und meist nur herausgeholt, um daran zu forschen.

Schachtel mit Schnecken der Valdivia-Expedition und Kamerastation zum Fotografieren der Exponate| Foto/Quelle: Museum Für Naturkunde, Anne Stabler

Schachtel mit Schnecken der Valdivia-Expedition und Kamerastation zum Fotografieren der Exponate| Foto/Quelle: Museum Für Naturkunde, Anne Stabler

Für die Erstellung des Medienpaketes zur „Valdivia-Expedition“ wurden ein paar dieser kleinen Tiefseeschätze ausgewählt und mit einem speziellen Verfahren fotografiert. Der erste Schritt dieser Aufgabe führte in die Sammlungsräume des Museums. Die Sammlungspflegerin der Molluskenabteilung gab einen Einblick in die aus rund fünf Millionen Exponaten bestehende Kollektion und suchte 14 Schnecken und Muscheln für die Digitalisierung heraus. Die ausgewählten Exemplare sind Typus-Material. Das bedeutet, sie bilden die Grundlage für die Definition ihrer Art und sind somit besonders wertvoll. Im zweiten Schritt wurden von den Schnecken und Muscheln Makroaufnahmen mit dem Focus Stacking Verfahren erstellt. Unter der Kamera werden die Exponate dabei auf den höchsten und niedrigsten Punkt fokussiert und scharf gestellt. Anschließend wurde eine Fotoserie geschossen. Je nach Objekt entstanden zwischen 20 und 60 Fotos mit unterschiedlicher Schärfeeinstellung. Eine Software fügte die Einzelfotos im sogenannten Stacking-Verfahren zu einem Bild mit besonderer Schärfentiefe zusammen.

Beispiel Exponat - Etikett und hochauflösende Fotografien von beiden Seiten des Schneckenhauses | Foto/Quelle: Museum Für Naturkunde, Anne Stabler

Beispiel Exponat - Etikett und hochauflösende Fotografien von beiden Seiten des Schneckenhauses | Foto/Quelle: Museum Für Naturkunde, Anne Stabler

Die fotografierten Schnecken- und Muschelschalen sind zwischen zwei Millimetern und einem Zentimeter groß. Einige von ihnen sind nach über 100 Jahren im Museum etwas brüchig geworden. Sie wurden daher nicht mit den Fingern angefasst, sondern mit einer Federpinzette vorsichtig aus ihren Schachteln unter den Kameraaufbau gelegt. Jedes Exemplar wurde, wie es für die Wissenschaft notwendig ist, von zwei Seiten fotografiert – einmal mit der Öffnung nach oben und einmal mit der Öffnung nach unten. Auch das dazugehörige Etikett wurde für jede Muschel und jede Schnecke fotografiert.

Nach der Fertigstellung aller Bilder, wurden im letzten Schritt zusätzliche Informationen zu den Objekten gesucht. Die Muscheln und Schnecken stammen von unterschiedlichen Orten der Valdivia-Expedition. Mit der Hilfe einer Karte, einem Plan über die Stationen der Reise und dem Mollusken-Band, in dem alle Exponate verzeichnet sind, konnten die Fundorte der einzelnen Objekte nachvollzogen werden.

Karte mit Reiseroute der Valdivia Expedition (Chun 1903) und Mollusken-Band | Foto/Quelle: Museum Für Naturkunde, Anne Stabler

Karte mit Reiseroute der Valdivia Expedition (Chun 1903) und Mollusken-Band | Foto/Quelle: Museum Für Naturkunde, Anne Stabler

Der Mollusken-Band ist ein Teil der Buchreihe wissenschaftlicher Ergebnisse der Tiefsee-Expedition, der alle auf der Reise gesammelten Muscheln und Schnecken beinhaltet. Hier finden sich auch die Beschreibungen zu allen fotografierten Exemplaren. Außerdem befindet sich für jede Muschel und jede Schnecke eine handgefertigte Zeichnung im Buch.

Fotografien eines Schneckenhauses ergänzen die Objektzeichnung, das Etikett und den Text aus dem Mollusken-Band | Foto/Quelle: Museum Für Naturkunde, Anne Stabler

Fotografien eines Schneckenhauses ergänzen die Objektzeichnung, das Etikett und den Text aus dem Mollusken-Band | Foto/Quelle: Museum Für Naturkunde, Anne Stabler

Die Erstellung dieses Medienpaketes zeigte, dass auch hinter den kleinsten Exponaten des Museums eine spannende Geschichte steht. Die Verknüpfung von Digitalisierung mit weiterführender Objektrecherche hilft, die Sammlung des Museums für die Öffentlichkeit zugänglicher und verständlicher zu machen.

Bildquelle Reiseroute: Chun, Carl 1903: „Reiseroute der Valdivia“

Außerdem zu finden in: Chun, Carl 1903: Aus den Tiefen des Weltmeers, Gustav Fischer Verlag, Jena